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Wacken Open Air 2014

Wacken Open Air 2014 by admin_wacken

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Wacken - 25 Jahre Metal-Mythos

Wacken. Das war bis 1990 irgendeine kleine Gemeinde im Kreis Steinburg. Eine, wie es viele gibt in Schleswig-Holstein. Nach dem ersten Open Air wurde Wacken zum Treffpunkt der Heavy-Metal-Szene in Norddeutschland. Nach 25 Jahren ist Wacken die Welthauptstadt des Metal.

 

Fans kommen aus Südamerika, Asien und Afrika, um Amon Armath, Slayer und Kreator live auf der Bühne zu sehen – alles Bands mit älteren, gesetzten Herren. Auch das Publikum speist sich zu einem guten Teil aus dieser Generation. Aus Deutschland drückt die Festival-Generation der um die 20-Jährigen nach. WOA: Die drei Buchstaben, die sich viele vor ihrer Reise nach Schleswig-Holstein auf ihr Auto kleben, bedeuten ihnen vor allem Spaß, den kleinen Ausbruch aus Alltag und Zivilisation.

 

 

Der klingende Name des Dorfs lässt sich gut euphorisch schreien und guttural grunzen, was vor allem praktisch für eher härtere Formen des Metal ist, zum Beispiel Black Metal. “Wackeeen” ist so etwas wie die norddeutsche Übersetzung für die rheinischen Karnevalsgrüße “Helau” und “Alaaf”. Ein paar Tage im Jahr ohne Regeln. Viel Alkohol. Witzchen und Spielchen, die vielleicht nicht besonders originell sind, aber trotzdem alle mitreißen. Und es gibt einen Dresscode, fast wie im Karneval: entweder schwarz. Oder möglichst albern.

 

 

Für Jörg Schönberg (43) und Kerstin Fölster (46) aus Hohenlockstedt ist Wacken noch viel mehr. Das Paar hat die Anfänge miterlebt, lange bevor sie sich ineinander verliebten. Und sie kommen immer wieder her.

 

 

Im Jubiläumsjahr machen sie hier Familienurlaub im Bauwagen und in Zelten. Kerstin Fölsters drei Kinder sind dabei: Tonja (20), Nina (18) und Tom (17). Kerstins Schwester arbeitet beim Wacken Open Air, Jörgs Bruder kommt zu Besuch ins Camp.

 

Kerstin Fölster arbeitet als Erzieherin und liebt die familiäre Atmosphäre in Wacken. Sie war beim ersten WOA im Jahr 1990 dabei. Jörg Schönberg ist Gas-Wasser-Installateur und bezeichnet sich selbst als Metaler. Seit 1992 hat er nur ein Mal beim WOA gefehlt. shz.de hat die beiden beim Jubiläum begleitet.

 

Vom improvisierten Geheimtipp für eine eingeschworene Szene avancierte das Festival über die Jahre zum durchorganisierten Massenspektakel. Wem gehört Wacken? Den langjährigen Fans wie Jörg Schönberg, dem Hammerfall, Saxon und Accept genug sind, und der sich manchmal nach den 3000 engen Freunden vor der Bühne zurücksehnt? Oder denjenigen, die sich über Ramstein 2013 freuten und sich Metallica oder ACDC auf die Bühne wünschen – berühmte Headliner eben? Die Veranstalter haben eine einfache Antwort: “Das Festival ist der Headliner.”

 

 

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Heute

Staub, Bier und Heavy Metal

   

“So, jetzt ist langsam Wacken.” Jörg sagt das zu sich selbst, als er auf den Stufen seines Bauwagens steht und den Blick über die Zelte, die Bänke und Tische und das halbaufgebaute Pavillonzelt gleiten lässt, das noch wie das Skelett eines Flugsauriers aufragt. Er nimmt mit beiden Händen seine langen, schweißnassen Haare im Nacken zusammen, atmet tief ein, lächelt und greift nach seinem Bier. Die Sonne brennt an diesem Montag gegen 11 Uhr erbarmungslos auf die noch ziemlich frische Wiese. Ein paar Meter weiter mäht ein junger Mann mit freiem Oberkörper das Gras vor seinem Zelt, der alte Rasenmäher knattert.  

Offiziell beginnt das Wacken Open Air erst am  Donnerstag, ab Mittwoch ist das Festival-Gelände geöffnet. Seit Montagmorgen richten sich die hartgesottenen Fans auf dem Campingplatz ein. Zimmern Verschläge, bauen Planschbecken auf, testen den Grill. Und hören laut Musik. Zum Beispiel Amon Armath und Sweat von Inner Circle. Zur Erinnerung: Im Refrain heißt es: “A lalalalalong”. Helene Fischer wird auf den Campingplätzen auch oft gespielt. Aber natürlich nicht bei Jörg und Kerstin.  

Metalhead-Equipment

 

 

Der erste Tag der Wacken-Woche ist schon lang. Um vier Uhr klingelte der Wecker. Kerstin, Jörg und die 13 anderen in ihrem Camp auf dem Platz mit dem Buchstaben C haben kurze Wege: Ein paar Minuten bis zur Bändchenausgabe, bis zum Infield mit den riesigen Bühnen True Metal Stage und Black Stage, zu den Dixis, den Duschen und zum Festival-Supermarkt. Um so einen Platz zu bekommen, muss man früh aufstehen. Die Bierzeltgarnitur und das Notstromaggregat einpacken, den Kühlschrank und die Campingdusche, das Grillgut und das Bier. Und dann nach Wacken fahren.

 

Hohenlockstedt und Wacken trennen nur 25 Kilometer. Die Familie mit Anhang braucht zweieinhalb Stunden für die Reise ins “Holy Wacken Land”, wie das Festivalgelände auf dem Lageplan heißt. Sie sind in acht Autos unterwegs. Mit vielen guten Worten und zwei Flaschen voll Rum haben sie einen Bekannten überzeugt, seinen silbergrauen Audi zu verleihen. Das Auto zieht jetzt den Bauwagen, in dem Kerstin und Jörg schlafen wollen.

 

Harte Fakten zum WOA

  • Zahlende Besucher: 75.000
  • Einwohner in Wacken: 1800
  • Stunden bis zum “Sold out”: 12
  • Festivalgelände: 220 Hektar Kuhweide
  • Toiletten: 1500
  • Wasserverbrauch pro Tag: 3,5 Mio. Liter
  • Stromleitung: 12 Megawatt
  • Bühnenmaterial: 1000 Tonnen
  • Ausgeschenktes Bier laut Veranstalter: “Viel”

 

Sie sind noch nicht weit gekommen, da hört Kerstin so ein Klappern. Ist es das Katzenauge an der hinteren Tür? Oder das Nummernschild? Als sie im Dorf in der Schlange stehen, klopft ein Metalhead an ihr Fenster: “Euer Reifen fällt gleich ab.” Nur noch eine Mutter ist fest, alle anderen locker. Da sich die Schlange voller Autos, Trecker, Anhänger und Wohnwagen gerade sowieso nicht bewegt, packt der Helfer einen Wagenheber aus. Das Rad ist schnell wieder festgezogen, es geht weiter. Glück gehabt. Und neue Freunde gefunden – Kerstin nennt sie “die Jungs aus Koblenz”, wenn sie in dieser Woche diese Geschichte erzählt. Dann sagt sie auch: “Das ist eben Wacken. Alle helfen sich.”

 

Der Montag und der Dienstag ziehen irgendwie vorbei – mit Einrichten, Grillen, Nachbarschaftspflege und einem Besuch im Wackener Freibad. Jahr für Jahr stürmen die Metalheads die Becken. Kopfsprünge, Bauchplatscher, Arschbomben sind eine willkommene Abwechslung, gerade wenn sich der Sommertag auf 27 Grad aufheizt und nur ein Pavillonzelt spärlich Schatten spendet.

 

Leere Dosen und Flaschen liegen am Mittwochmorgen unterm Bauwagen. Auf dem Tisch steht eine leere Ravioli-Dose, daneben ein Glas Nuss-Nougat-Creme, H-Milch. Jörgs Wacken-Becher ist halb mit Bier gefüllt. In seinem Mundwinkel klebt ein Rest Zahnpasta. Er sprüht sich Desinfektionsspray auf die Hände und Arme. “Morgen, morgen ist richtig Wacken.”, sagt er. Es ist Tag drei.

Ein bisschen mehr Wacken ist schon um 10.30 Uhr. Die Haupteingänge werden geöffnet. Auf zwei Bühnen gibt es ab 11 Uhr Musik. Die beiden Hauptbühnen sind erst am Donnerstag dran. Das gehört zur Dramaturgie. Warten erhöht die Vorfreude – und drei Tage Vorglühen bringen die Fans erst so richtig auf Betriebstemperatur. Die Wacken Fire Fighters, der Musikzug der örtlichen Feuerwehr,  werden am Mittwochabend mit Metalgruß und Polonaise von Tausenden vor der “Beergarden Stage” gefeiert, vormittags spielt die Piratenband “Mr. Hurley und die Pulveraffen” auf der “Wackinger Stage”.

 

Auf der Bühne sind die Musiker als Piraten verkleidet – vor der Bühne teilweise auch. Ein junger Mann in Schottenrock (und sonst nichts) lässt sich nach auf den Händen nach vorn tragen, springt vorn angekommen über die Brüstung und trabt am Sicherheitspersonal vorbei. “Die sind doch wahnsinnig”, sagt ein Typ mit Strohhut und Wacken-Shirt. “Mittwochnachmittag – und die Stagediven schon.” Als nächstes hüpft eine Gestalt in Borat-Badehose und Sturmhaube von den Händen.

 

 

Zu Gast in Wacken: Die Typologie

Jörg und Kerstin sind Metaler. Sie mögen die Wackener Mittelalterwelt trotzdem. Weil es hier gutes Essen und viel zu gucken gibt: Schwertkämpfe und Bogenschießen. Gerade schreitet ein gutes Dutzend Schauspieler – Henker, Verbrecher und einfaches Volk – zum Schafott. Und in einer Ecke präsentieren die “Wasteland Warriors” ihre Fantasie-Welt der Zukunft – martialisch in Rüstungen und aus Schrott zusammengelöteten Fahrzeugen und ein bisschen dreckiger als der durchschnittliche Wacken-Besucher. Noch. “Manchmal sind sie auch nackt”, sagt Jörg.

 

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Die Wasteland Warriors im Wackinger Village.

Barbara Maas

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Sie sehen nur böse aus, tun aber nichts.

Barbara Maas

 

Das W steht für Warten

Am Donnerstagnachmittag geht es endlich richtig los. Hunderte stehen in der Schlange am Merchandising-Stand hinter dem Eingangsbereich: Jeder von ihnen will sein eigenes Wacken-Jubiläums-T-Shirt. Natürlich schwarz, mit dem Wacken-Schädel. Auf dem Weg ins Wackinger Village kichert Kerstin und stößt Jörg an: “Da würde ich niemals anstehen. Erst stundenlang in der Bändchenschlange und dann noch mal ewig für ein T-Shirt.” Kerstin giggelt weiter: “Und, wie war’s in Wacken? – Keine Ahnung, ich habe die ganze Zeit in einer Schlange gestanden.”

 

Warten vor den Wacken-Toren.

Barbara Maas

Dabei warten die beiden selbst viel. Ein ganzes Jahr, bis sie endlich an diesem Montag im August aufbrechen können. Am Montag in der Autoschlange zum Zeltplatz. Am Dienstag darauf, dass das Wackinger Village und die Wacken Plaza öffnen. Am Mittwoch und Donnerstag darauf, dass vormittags die True Metal Stage und die Black Stage geöffnet werden. Dann auf den Abend, wenn endlich Hammerfall, Saxon und Accept spielen. Sie stellen sich an, um Wasser zum Spülen zu holen. Jörg wartet auf Kerstin, wenn sie kurz am Getränke-Stand Cola-Korn kaufen muss. Kerstin wartet auf Jörg, wenn ihn ein Wacken-Freund mit einem lauten “Schöniii” begrüßt. Jörg wartet auf Kerstin, wenn sie ein Dixi sucht. Kerstin wartet auf Jörg, wenn er ein neues Bier braucht. Und am Sonntag? Dann warten die beiden schon wieder aufs nächste Wacken.

 

Die Choreografie des Metal

 

 

Jörg ist Metaler – und lässt höchstens mal seine Haare zur Musik fliegen. Headbangen ja. Pogen nein. Denn das hat mit Metal eigentlich nichts zu tun, findet Jörg. Ellenbogen im Gesicht – das gehört eher zum Punk. Stagediven? “Da lieg ich doch nach einer Sekunde am Boden. Am Ende halten die mich nicht fest und fallen runter. Ich vertrau doch nicht den ganzen fremden Leuten!” So weit reicht die so oft beschworene Nächstenliebe und das Vertrauen in Wacken wohl doch nicht. Eine sichere Variante: Luftgitarre spielen. Jörg würde auch gern eine echte Gitarre spielen können wie sein Bruder. Einmal hat er es sogar probiert. Das hat ihm gereicht.

 

Was eine “Wall of Death” ist, hat Kerstin einmal am eigenen Leib erfahren. “Guck mal, hier ist voll viel Platz”, sagte sie während eines Konzerts und blieb in der Schneise stehen, die die Metalheads von der Bühne bis nach hinten gebildet hatten. “1, 2, 3 …” Die Meute stürmte von beiden Seiten frontal aufeinander los. Kerstin machte im letzten Moment einen Satz zurück und kam unbeschadet aus der “Wand des Todes”. Glück gehabt.

 

Pommesgabel

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So grüßt Wacken: Der Zeigefinger und der kleine Finger werden von der Faust abgespreizt, die Hand wird in die Luft gerissen. Der Metal-Gruß, auch die Teufelshörner oder ironisch die Pommesgabel genannt, hat längst den Weg in den Mainstream gefunden. Auch dank Wacken. Der frühere Black-Sabbath-Sänger Ronnie James Dio soll den Gruß den Metalheads geschenkt haben. Jedenfalls verbreitete der Musiker, der am 16. Mai 2010 starb, selbst zu Lebzeiten diese Legende. Gezeigt habe ihm das Zeichen der gehörnten Hand seine abergläubische Großmutter: Es soll Böses abwenden.

 

Müssen wir über Hygiene reden?

 

Am Montag riecht es noch frisch in Wacken – nach Gras, auf das die Sonne scheint, ein bisschen nach Kuh. Dann kommen die Metal-Fans. Zuerst hängt über den Äckern und Wiesen der Duft nach dem Benzin aus den Notstromaggregaten. Dann nach Grillfleisch auf Holzkohle. Bierpfützen gähren in fast leeren Dosen und Flaschen nach. Die Chemie-Klos verbreiten ihren süßlichen Odem nach Chemie und Exkrementen. Hitze, Staub und Alkohol lassen die Menschen ausdünsten. Und dann gibt es dieses Wacken-Gesetz: Duschen ist nicht Heavy Metal. “Ich verstehe gar nicht, dass du nie duschen gehst”, sagt Kerstin zu Jörg. Sie steht frisch gewaschen in der Tür zum Bauwagen, er sucht nach dem Shampoo. “Das ist so angenehm.” Seine Antwort: “Anstrengend ist das.” Jörg duscht nicht. Aus Prinzip. Er wäscht sich nur die Haare. Den Rest erledigen Feuchttücher.

 

Nur ein paar Tropfen Regen berühren in diesem Jahr den Boden des WOA. Die Sonne verwandelt das Gelände mehr und mehr in eine Wüste. Der Staub legt sich auf die Haut, frisst sich in die Schleimhäute und klumpt sich irgendwann im Hals zusammen. Viele wickeln sich Tücher oder T-Shirts um Nase und Mund. Schlamm, der in den vergangenen Jahren zum Wacken-Sinnbild wurde, bildet sich nur an den Duschen auf den Campingplätzen und den Trinkwasserstationen. Vom Schlammbad, das vor allem bei jüngeren Festival-Besuchern beliebt ist, rät der Wacken-Experte übrigens ohnehin dringend ab: “Schlammbaden würde ich nicht machen. Das hat die Anja mal gemacht. Hinterher hatte sie überall Pickel.”

 

 

An den Toiletten mit Spülung muss man ungefähr eine halbe Stunde anstehen. An den Plastik-Plumpsklos geht es schneller, dafür hat man andere Probleme. “Ich weiß nicht, wie die das immer hinbekommen, so hohe Haufen in die Dixis zu machen”, sagt Kerstin. “Das nächste Mal nehmen wir unser eigenes Klo mit”, antwortet Jörg. Vielleicht nicht ganz so wie der Bekannte, der früher seine eigene Toilette baute: Loch in den Boden, Zelt drüber, fertig. Besonders schön, wenn die Augustsonne draufscheint. Heute geht das übrigens alles nicht mehr. “Löcherbuddeln ist verboten”, sagt Jörg. Die bessere Alternative: Von den frühen Wacken-Vögeln haben einige ihre eigenen Chemie-Toiletten auf einem Anhänger mitgebracht.

 

Spuren des Verfalls

 

Die Weiden und Wiesen in Wacken verändern sich in dieser Woche von Stunde zu Stunde. Saftige Grasflecken verwandelt sich zu Staub. Der Wind weht gebrauchte Pappteller, leere Dosen und Flatterband durch die Camps. Pavillonzelte strecken ihre Füße in die Luft wie verunfallte Käfer. Bis am Samstagabend alte Sofas, zerstörte Campingstühle verlassen auf die Reinigungstrupps warten.

 

  • Before-Wacken - vorher/nachher
    After-Wacken - vorher/nachher
    Before Wacken - vorher/nachher After

 

Wacken geht auch an Kerstin und Jörg nicht ohne kleinere Verwüstungen vorbei. Freitagmorgen. Tag fünf für das Metal-Paar. Am Abend stand Kerstin noch bei Saxon in der ersten Reihe, Jörg hatte sich die ganze Zeit auf den anderthalbstündigen Gig von Accept gefreut. Doch die Stimmung am Morgen danach ist gedrückt. Aus einem Zelt wurden 200 Euro gestohlen, zehn Liter Benzin sind auch weg. Und das ist noch nicht alles.

 

Kerstin zieht einen Flunsch – und dann an ihrer Zigarette. “Geht schön vorsichtig mit dem Strom um”, sagt sie zu den anderen, die um den Tisch in ihren Campingsesseln hocken. Der Notstromaggregat – eigentlich Jörgs ganzer Stolz, nagelneu, knallrot und an den Bauwagen gekettet – hat aufgegeben, erzeugt nicht mehr die volle Leistung. Woran das liegt? Ein Rätsel.

 

“Die Handys gehen dann bald nicht mehr”, mault Kerstin. Jörg schenkt sich ein Bier ein, noch ist es kühl. “Handys sind mir egal. Der Kühlschrank ist wichtig.” Ein Freund fragt: “Und die Musik?” Jörg nickt verdrossen: “Und die Musik.” Er blickt in die Ferne. “Mit Luxus ist es jetzt vorbei.”

 

Kerstin fragt alle Nachbarn nach Rat. Keiner weiß was. Öl? Schon nachgefüllt, geborgt. Die Zündkerzen? Vielleicht. “Ich bau doch jetzt hier keine Zündkerzen aus”, sagt Jörg. Es könnte auch der Filter sein. Während Kerstins Tour dringt aus einem Zelt eine Frauenstimme: “Ey! Hast du Unterwäsche von mir an?” Kerstin kann nur müde darüber lächeln.

 

 

Wacken ist anstrengend. Die Beine schmerzen vom Stehen, der Nacken und die Arme sind verbrannt. Die Nächte sind kurz, laut und unbequem. Dabei haben sie es sich schon so gemütlich wie möglich gemacht. Im Bauwagen liegen Matratzen, ein Teppich, an den Wänden hängen alte Wacken-Plakate, in der Ecke steht ein Kühlschrank. Wenn jemand Schlamm reinträgt, wird Jörg Schönberg böse. Warum? “Ich hab nicht so viel Geld”, erklärt er. “Ich hab mal was. Das ist mein Haus, mein Ein und Alles.”

 

“Mein Zeh tut weh”, jammert Jörg. Was hilft gegen Schmerzen und Alltagskummer? Ablenkung – mit den Auftritten von Motörhead und Slayer am Freitag, Amon Armath und Megadeth am Samstag. Schließlich geht es in Wacken um Musik – dafür sind sie gekommen. Manchmal könnte man das in Wacken fast vergessen.

 

Damals

Der Zauber der ersten Jahre

 

Zwei Tage im August, eine Bühne, sechs Bands, 800 Gäste. So fing die Geschichte des Wacken Open Airs an. Kerstin Fölster war schon 1990 dabei. Als 21-Jährige stand sie zum ersten Mal vor der Bühne. Oder besser gesagt: “Wir saßen auf Strohballen, die Leute hatten ihre Hunde dabei, schliefen in ihren Autos.” Kerstin Fölster war damals viel auf Motorradtreffen unterwegs, der Club “No Mercys” traf sich schon seit mehreren Jahren an dem August-Wochenende in Wacken. “Und das war dann eben ein Motorrad-Treffen mit Musik”, sagt Kerstin. Die Szene adoptierte das Festival, das Thomas Jensen und Holger Hübner aus einer Bierlaune heraus gegründet hatten. In den ersten Jahren kontrollierten die Biker auch die Eintrittskarten und halfen als Ordner.

 

Zum Gründungsmythos gehört auch, das Thomas Jensen in der Band “Skyline” Bass spielte, die auf dem ersten Wacken Open Air auftrat. 25 Jahre später eröffnet “Skyline” am Donnerstagabend – allerdings ohne Jensen. Dafür mit Doro Pesch, die in Deutschland so etwas wie die Mutti des Metal ist – und 2013 ihr 30-jähriges Bühnen-Jubiläum feierte.

 

Bilder-Zeitreise ins Jahr 1990

Als Jörg 1992 zum ersten Mal nach Wacken kam, war er einer von schon 3500 Besuchern. Angeblich sollen die damals 30.000 Liter Bier getrunken haben. Lange Haare, dunkle Klamotten und dann diese Musik: Schon in der Schule und in der Ausbildung nannten sie Jörg “den schwarzen Mann”. Das Wacken Open Air machte ihn glücklich, hier waren die Leute wie er. “Das waren alles Metalheads”, sagt Jörg. “Man konnte alles liegen lassen, Geld, alles. Da wurde nichts geklaut.” Im vergangenen Jahr machte im Wacken-Forum die Runde, dass eine professionelle Diebesbande die Zelte aufschlitzte und Wertsachen gestohlen worden seien, während die Leute schliefen. Zäune, Security? Gab es in den 90ern nicht. Dafür musste man Getränkemarken kaufen.

Jörg, Kerstin und andere Wacken-Fans der ersten Jahre sprechen gern und wehmütig von der Kuhle. Die Kuhle ist immer noch Teil des WOA – allerdings kommen die wenigsten dorthin. Hinter den beiden Hauptbühen ist das Künstler-Camp aufgebaut, wo alles begann. Eine Feuerstelle in der Mitte, schwarze Strandkörbe, ein Massage-Zelt und das Catering. An der einen Seite steigt das Gelände an – dort stand früher die Bühne. Gezeltet und geparkt wurde dort, wo jetzt die großen Bühnen stehen. 1993 sang Doro Pesch zum ersten Mal in Wacken.

Das Jahr 1996 veränderte alles. Das Festival stand finanziell vor dem Aus. Schon 1993 hatten Thomas Jensen und Holger Hübner von einem Minus von 350.000 Mark gesprochen. Danach schwiegen sie, wenn es ums Geld ging. Das Jahr 1993 war der größte Flop der Festivalgeschichte. Die Eltern übernahmen Bürgschaften für die Veranstalter. Drei Mitglieder verließen das Wacken-Team.

 

Dann, nämlich 1996, holten die Veranstalter die Böhsen Onkelz nach Wacken – und damit eine sehr mobile Fan-Gemeinde. Auch Jörg kann sich noch an den Auftritt der Böhsen Onkelz erinnern. “Ich stand in der ersten Reihe und wurde gegen die Absperrung gequetscht. Ich hatte rechts und links an der Seite blaue Flecken.” Er blieb trotzdem dort stehen. Mit 3000 Menschen hatte Wacken gerechnet, mindestens 8000 kamen – und überfluteten das Dorf. Die Autos stauten sich, das Bier wollte raus, die Besucher nutzten die Vorgärten. Und hinterließen ihren Müll. Die Wackener waren sauer. 1997 zog das WOA auf die andere Seite der Straße um – und wurde dort von Jahr zu Jahr professioneller und größer.

 

Und leiser. 2014 ist das Festival zwar immer noch so laut, dass ein Mittvierziger am Samstagabend vor den Bühnen gebrauchte Ohrstöpsel aus dem Wacken-Staub klaubt und in die Ohren steckt. Aber Jörg sagt: “Früher war es lauter. ‘Louder than hell’? Denkste!” Das liegt vor allem an der modernen Technik, mit der die riesigen Boxen genau ausgerichtet werden.

 

Die Plakate aus 25 Jahren

 

Ein Meilenstein in der Wacken-Geschichte: der Film “Full Metal Village” der deutsch-koreanischen Filmemacherin Sung-Hyung Cho. Im Dorf war das WOA längst etabliert, in Schleswig-Holstein zumindest bekannt. 2006 wusste der letzte Bayer, dass es dieses Örtchen im Norden gab, in das die Metaler im Sommer einfielen. Und dass die Landbevölkerung so einige Vorurteile gegen die “Schwarzen” hatte.

Seit einigen Jahren wird es Jörg und Kerstin langsam zu groß, zu anstrengend, zu teuer in Wacken. Der Bullenschädel ist ein Symbol für diese Entwicklung: Klein, fast schüchtern war er auf dem ersten Plakat zu sehen. Heute prangt er als riesiger Koloss aus verrosteten Stahl zwischen den beiden Hauptbühnen. Zweieinhalb Tonnen schwer, 12,5 Meter breit und zehn Meter hoch. Nachts spuckt er Feuer. Aus bis zu 40 Öffnungen.

 

“Kommerz” ist ein Wort, das Jörg oft sagt. Überall auf dem Gelände fällt es immer wieder. In Metal-Foren beschweren sich die älteren Fans. Manche bleiben inzwischen auch einfach enttäuscht zu Hause. “Das Schlimmste ist, dass sie Rammstein geholt haben”, sagt Jörg. Über den Auftritt mit Heino 2013 will er gar nicht erst reden. Er brauche keine bekannten Headliner.

 

Trauriges aus Wacken

In Wacken gibt es auch immer wieder dramatische und traurige Unfälle. In diesem Jahr wurde ein 19-Jähriger nachts in Wacken von einem Taxi überrollt, als er im Dorf unterwegs fand. Er verlor sein Leben. 2013 starb ein 50-jähriger Pole in seinem Zelt. Im selben Jahr zog sich ein 22-Jähriger aus Kiel schwere Brandverletzungen zu, als er eine Gaskartusche wechseln wollte – direkt neben einem Grill. 2012 starb ein 22-Jähriger aus Süddeutschland an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. Er hatte sich unter eine Plane auf einem Anhänger schlafen gelegt, unter dem Anhänger lief ein Notstromaggregat. 2011 lag starb eine Person bei einem Unfall bei der Anreise zum W:O:A. Im Jahr 2005 lief ein Betrunkener beim Festival gegen einen Rettungswagen.

 

“Es fing an mit Iron Maiden.” 18 Jahre lang hatten sich viele Metal-Fans hoffnungsvoll gefragt: Kommt irgendwann Iron Maiden nach Wacken? So, wie heute viele von Metallica träumen. Es war die Erfüllung der Metal-Träume. Und gleichzeitig für viele ein Albtraum: Es war zu voll. Die Euphorie über die Headliner kippte.

 

Damals – es war 2008 – klammerten sich Jörg und Kerstin aneinander fest. Und wurden trotzdem in der Menschenmenge getrennt. “Von Iron Maiden hab ich nicht viel mitbekommen”, sagt Kerstin heute.

 

“Und dann die ganzen Showacts.” Jörg redet sich langsam in Rage, wenn er über Bülent Ceylan und seinen Comedy-Auftritt nachdenkt. “Da kommen ja sogar Omi und Opi und gucken zu.”

 

Und trotzdem sind Kerstin und Jörg da, vor ihrem Bauwagen auf Camping-Platz C, vor der True Metal Stage, am Bierstand im Dorf. Jahr für Jahr. Die Liebe zu Wacken ist eine schwierige, eine verrückte, unerklärliche. Metal ist hart, aber Metaler haben ein weiches Herz. Ein Beispiel: Accept spielte 2006 “Princess of the Dawn” in Wacken – und die Band wiederholte immer wieder das Riff. Die Fans flippten aus, sangen den Refrain mit. “Das ging bestimmt eine Viertelstunde lang”, erinnert sich Jörg. “Das war so geil.” Und irgendwann tropften ihm vor Rührung die Tränen auf seine Metal-Kutte.   

Was Wacken unvergesslich macht

In Wacken herrschen eigene Gesetze. Und auch die Erlebnisse, die sich in die Erinnerung brennen wie eine Tätowiernadel in Metallhead-Haut, sind alles andere als etepetete. Die Schlange vor der Bändchenausgabe war lang in diesem einen Wacken-Jahr – Kerstin Fölster kann sich nicht mehr genau erinnern, welches genau. Eins weiß sie aber sicher: Die Eintrittskarte steckte in einer hinteren Tasche ihrer Hose. Jedenfalls vor dem kleinen Geschäft, das sie noch schnell auf dem Dixie-Klo erledigen wollte. Die Plastiktür ging auf, Kerstin Fölster trat in die Sonne, griff an ihren Po: nichts. Eine bange Befürchtung. Ein schüchterner Blick in die Plastikschüssel. Und dann die stinkende Gewissheit: Aus der Fäkalien-Chemie-Papier-Hölle guckte eine kleine Ecke der Karte heraus.  

“Scheiße, was machst du denn jetzt?”, fragte sie sich. Und wusste sofort: Es gibt nur einen Weg. Mit spitzen Fingern zog sie den Papierstreifen aus der Brühe. Sauber wusch sie die Karte mit Bier. Bier hilft in Wacken eben immer. Über sich selbst lachen auch. Auch das sind ungeschriebene Gesetze.

Jeder, der mit dem Wacken-Wahnsinn in Berührung kommt, hat seine ganz eigenen Erinnerungen. Da ist Lotte Vollstedt, 93 Jahre, die das das W:O:A seit 25 Jahren von ihrer Sitzbank in der Hauptstraße aus verfolgt. Oder Ann-Kathrin Peters, die Musikzugführerin der Freiwilligen Feuerwehr. Seit 2000 spielen die Musiker als “Wacken Firefighters” jedes Jahr beim Festival – und jedes Jahr steht Ann-Kathrin Peters mit Gänsehaut auf der Bühne.

Viele erkennen den Charme des Festivals erst spät – zum Beispiel Hermann Vollstedt, 65 Jahre, gebürtiger Wackener, Landwirt im Ruhestand. Anfangs war er gegen das WOA, heute ist er ein großer Fan. Und einer hat natürlich von Anfang an geglaubt, auch, als es schwer war: WOA-Mitbegründer Thomas Jensen erfand das Festival vor 25 Jahren aus einer Bierlaune heraus.

 

“1992 hat’s geregnet”, erinnert sich Jörg Schönberg. Jedenfalls, bis er zusammen mit ein paar Metal-Freunden aus Dithmarschen, die zufällig einen Totempfahl dabei hatten, einen Sonnentanz zelebrierte. “Mittags kam die Sonne tatsächlich raus!” Die historischen Daten des Deutschen Wetterdienstes geben ihm Recht. Am 21. August 1992, dem ersten Tag des Wacken Open Airs, wurden an der Wetterstation am Störsperrwerk 1,3 Sonnenstunden gemessen. Am nächsten Tag waren es 11,0. Die rund 3500 Besucher, die sich damals in Wacken versammelt hatten, müssen Jörg Schönberg also eigentlich bis heute dankbar sein.

Und dann war da noch das Jahr, in dem er eine Nacht in der Sparkasse übernachtet hat. “Da standen wir einmal auf der Gästeliste”, sagt seine Freundin. “Nie wieder!” Das Problem: Sie hatten keine Karten und sollten ihr Festivalbändchen erst am nächsten Tag bekommen. Nette Ordner ließen sie trotzdem auf den Zeltplatz, sie hinterlegten einen Personalausweis. Jörg wollte Fußball gucken: “St. Pauli hat gespielt.”

Als das Spiel vorbei war, hatten auch die netten Ordner Feierabend gemacht. “Da stand da so ein Youngster mit Headset.” Der sich an die Regeln hielt: Kein Bändchen, kein Campingplatz. In der Wackener Sparkasse rollte sich Jörg auf dem Boden zusammen. Am nächsten Morgen waren wieder die Ordner vom Vortag da – und Jörg wieder drinnen.

Doch Wacken ist viel mehr als nur Matsch, Dreck und Bier-Laune. “Wie ich an die Autogramme von Saxon gekommen bin, das war super”, erzählt Kerstin Fölster. Das Meet and Greet vor fünf oder sechs Jahren war nämlich eigentlich schon vorbei. Aber Kerstin wusste, dass sie noch da waren – also kletterte sie über die Absperrung. Und bettelte bei den Ordnern. Die sagten: “Nee, hau ab.” Sie ließ nicht locker. Die Antwort blieb: “Nee, hau ab.” Und dann rief die Band, sie solle doch noch mal schnell vorbeikommen. Kerstin Fölster strahlt immer noch selig, wenn sie diese Geschichte erzählt. Und von der anderen Seite aus fühlt sich die Liebe offenbar genauso gut an. Das sagt zumindest Doro Pesch.  

Das Wetter In Wacken | Create Infographics
Das Dorf

Ein Dorf sieht schwarz

 

Einmal im Jahr färbt sich Wacken schwarz. Große Banner begrüßen die Metalheads. In den Imbissbuden läuft Metal statt Pop. Die Wackener, Gribbohmer und Holstenniendorfer haben zwei Möglichkeiten: Die einen riegeln ihre Grundstücke mit Zäunen ab und verschanzen sich im Haus. Die meisten allerdings wollen ihr Stück vom Metal-Kuchen. In den Biergärten, die sonst normale Gärten sind, gibt es selbstgemachte Nussecken, belegte Brötchen und billiges Bier. Ein Bier kostet einen Euro, in den “Festival-Supermärkten” auf den Campingplätzen zahlen die Metalheads für eine 0,3-Liter-Dose zwei Euro. Im Infield kosten 0,3 Liter Bier drei Euro plus Pfand. Ein Geschäftsmodell.

 

1800 Menschen leben in Wacken. Kaum jemanden lässt das Open Air kalt. Eine Woche im Jahr läuft in jeder Imbissbude Metal – oder das, was die Besitzer dafür halten. Die Wackener kramen ihre schwarzen Klamotten heraus – aus Solidarität, Spaß oder um nicht groß aufzufallen. Sie kommen auch zu Besuch aufs Festivalgelände, manche haben ihre Kinder dabei. An einem Festival-Tag haben sie freien Eintritt.

 

 

In diesem Jahr schaffen es Jörg und Kerstin nicht in die Hauptstraße – obwohl sie dort immer Bekannte treffen. “Früher war im Dorf mehr los”, insistiert Jörg. Das ist kaum vorstellbar.

Überfüllte Busse transportieren die Festival-Besucher ins Schwimmbad. In den Straßen herrscht Volksfeststimmung. Im Wacken-Shop gibt es Banner, Shirts und andere Devotionalien. Nebenan drücken sich vier Männer im besten Alter die Nasen an einer Schaufensterscheibe platt: Wacken-Uhren. Eine Campingdusche zieht vor dem Haus in der Hauptstraße Nr. 49 . Ein junges Mädchen rasiert sich im schwarzen Bikini die Beine, ein junger Mann wäscht sich die Haare.

 

Wenn die Gäste im Dorf Kohle, Grillgut und Getränke einkaufen, verdienen sich die Dorfjungs mit ihren Kettcars Taschengeld dazu – und bringen die Sachen im Anhänger zum Zeltplatz. Manchmal ist auch ein Metalhead zu müde zum Laufen.

Lange Wege, Hitze, Staub - da steigt mancher Metalhead aufs Kettcar-Taxi um.

Barbara Maas

Viele Dorfbewohner sitzen in Gartenstühlen vor ihren Häusern und beobachten das schwarze Treiben. Wenn jemand winkt, lachen sie und heben die Hand zum Metalgruß.

Das war nicht immer so. Gerade am Anfang hatten viele Wackener Vorbehalte, sogar Angst vor den Gestalten in Schwarz. Sie waren laut, sie machten Dreck. Die Veranstalter versuchten, das Dorf mit einzubeziehen. Seit dem Jahr 2000 spielen die Wacken Firefighters auf der Beergarden Stage beim Festival. Stagediven zu “Rosamunde”, Headbangen zu “Amarillo” – in Wacken ist das normal. Und in diesem Jahr haben sich sogar Sigrid Rieger (54) und Arnd Warnsholdt (50) das Ja-Wort gegeben. Am Donnerstag auf dem Festivalgelände. Gefeiert wurde auf dem Campingplatz.

Die Wacken-Idylle trügt. 2013 gab es Unruhe im Dorf. Eine Frau und ein Mann hatten gegen das Amt Schenefeld geklagt, weil sie sich durch den Festivallärm belästigt fühlten. Die Genehmigungsbehörde hatte sich auf eine Ausnahmeregelung berufen, nach der bei “seltenen Ereignissen” der Grenzwert von 70 auf 90 Dezibel hochgeschraubt werden kann. Die Kläger waren sich einig, dass es sich bei einem mehrtägigen Festival – und zwar jedes Jahr – nicht um ein “seltenes Ereignis” handele.

Die Klage war im Januar vom Tisch: Der Vertreter der Kläger und die Veranstalter einigten sich außergerichtlich. „Wenn der Geräuschpegel von 70 Dezibel im Mittel überschritten wird, zahlt der Veranstalter künftig 1000 Euro an die Gemeinde“, sagte Anwalt Jens-Ulrich Kannieß. 70 Dezibel entsprächen der Lautstärke eines laufenden Rasenmähers vor dem Schlafzimmerfenster.

Doch im Dorf gab es Krach. Seine Mandantin sei massiv angefeindet worden, sagte ihr Anwalt. Manche Wackener warfen der Frau vor, sie gefährde das gesamte Festival. Und schade damit der Gemeinde und der ganzen Region, die auch wirtschaftlich profitiere. Die Klägerin wurde öffentlich “an den Pranger gestellt” und aufgefordert “in die Wüste zu ziehen”.

Jetzt herrscht wieder Ruhe in Wacken – außer ein Mal im Jahr, wenn der Metal die Lautstärke manchmal über 70 Dezibel treibt.

 

Text: Barbara Maas
Videos: Thomas Heyse und Tim Butenschön

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